Liebe Malaria, endschuldigung, dass es so lange gedauert hat, aber mir hat ein bisschen der Abstand gefehlt und damit es nicht noch länger dauert , schicke ich dir schon mal die deutsche Fassung. Oder hätte ich sie in erster Person singular schreiben sollen? Wenn, was zu lang ist, schmeiß es einfach raus.
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Marie-Christine wächst in einem kleinen Vorort, in einem kleinen Einfamilienhaus mit ihren Eltern, ihrem Bruder und einem Hund auf. Ganz in der Nähe wohnen auch die Großeltern und Tanten und Onkel und Cousinen und Cousins. Eine große lustige Familie. Ihr Vater ein Musiker, der kein Geld verdient und emotional unterkühlt ist. Ihre Mutter ist Grafikerin für eine große Yellowpress Zeitschrift, verdient das ganze Geld für die Familie, ist depressiv, überfordert und hat über ihre Emotionen oft keine Kontrolle. Es gibt genug Geld, aber keine Liebe und Aufmerksamkeit.
Als sie 9 ist, wirft die Mutter den Vater raus, fängt an zu trinken, schlägt die Kinder, droht mit Selbstmordversuchen und damit, die Kinder ins Heim zu bringen. Im selben Jahr wird Marie-Christine von einem Onkel sexuell missbraucht. Sie fängt an, sich zurückzuziehen. Sie wird Vegetarierin. Ein Jahr später stirbt ihr Hund, während sie übers Wochenende in Dänemark ist. Diese Schuld verkraftet sie nicht. Kurz darauf erfährt sie, dass sie aufgrund von Hüftproblemen, aufhören muss zu Tanzen - was sie seit ihrem dritten Lebensjahr getan hatte und was sie zu ihrem Beruf machen wollte.
Mit 14 erträgt sie den Gedanken nicht, dass so viele Hunde im Tierheim leiden müssen und überredet ihre Mutter, sich einen Hund anschaffen zu dürfen. Zunehmend fällt es ihr schwerer, in ihrem Leben einen Halt zu finden. Sie fängt an, zu trinken und erzählt im Suff ihrem Bruder von dem Missbrauch. Er hält zu ihr, genau wie ihre Mutter und ihr Vater, der sich nicht wirklich dazu äußert. Der Rest der Familie erklärt sie für geisteskrank.
Marie-Christine fängt an, Basketball zu spielen, weil auch ihr Bruder Basketball spielt. Sie gehört schnell zu den besten und spielt in der Hamburger Auswahl. Sie trainiert bis zu fünf Mal die Woche und hat zwei bis drei Spiele am Wochenende. Dann auch dafür das Aus. Sie wird an der Hüfte operiert. Die Operation geht schief.
Um nicht aufzufallen, schläft sie mit einem Typen, weil das alle so machen. Sie wird schwanger, hat einen Verdacht auf eine Eileiterschwangerschaft und entscheidet sich für eine Abtreibung. Das Schuld-Konto wächst.
Im folgenden Jahr wird sie erneut operiert. Künstlich wird der Oberschenkelhals und das Becken gebrochen und neu zusammengeschraubt. Wochenlang Krankenhaus, Reha, Schmerzen… Drei Jahre auf Krücken und die 10 Klasse wiederholt sie zwei Mal. In diesen Jahren trinkt sie viel, schwänzt, klaut und verletzt sich selbst. Die Tatsache, dass sogar ihr eigener Körper sie im Stich lässt, entfacht in ihr einen tiefen Selbsthass.
Als sie die zehnte Klasse zum dritten Mal machen muss, wechselt sie die Schule und versucht, neu anzufangen. Sie übernimmt die Leitung der Suppenküche für Obdachlose und kocht einmal die Woche mit einer Gruppe Kinder aus sozial schwachen Familien. Sie beginnt, ihre Arbeit dokumentarisch mit der Kamera festzuhalten.
Während des Abis zieht sie aus, weil sie ihr Zuhause nicht mehr erträgt. Ihre große Liebe, Martina, trennt sich von ihr nach anderthalb Jahren Beziehung und sie erleidet einige Nervenzusammenbrüche. Sie beginnt eine Therapie.
Mit zwanzig schafft sie unter großer Anstrengung ihr Abitur.
Sie ist sich nicht sicher, was sie jetzt mit ihrem Leben anfangen soll. Im ersten Jahr nach dem Abi hängt sie viel mit Freunden rum. Da ihre engste Freundin eine Cutter- Ausbildung machen möchte, sieht sie mit ihr viele Filme. Ein Interesse an bewegten Bildern wird in ihr geweckt und von ihrem Geld, das sie sich beim Kellnern verdient, kauft sie sich eine digitale Video-Kamera. Sie bewirbt sich bei der dffb, wird aber nicht genommen.
Trotz Therapie steht sie im ständigen Kampf mit sich selbst. Sie muss immer wieder Schmerztabletten nehmen, weil die Schmerzen in ihrem Bein zu quälend sind. Sie wünscht sich, „normal“ zu sein, wie viele ihrer Freunde aus gutem Hause. Aber tief in ihr verspürt sie einen anderen Drang.
Als ihre engste Freundin hinter ihrem Rücken vier Monate mit ihrer Ex, Martina, schläft, die Marie-Christine immer noch über alles liebt, bricht ihr neues gutes Leben, das sie sich mühsam versucht hat aufzubauen, zusammen. Sie hasst diese Stadt und zieht mit 23 mit ihrem Hund nach Berlin.
Dort landet sie in einer 5-WG mit zwei Frauen und zwei Tunten. Da diese sich in der linken Szene bewegen, kommt sie mit dieser schnell in Kontakt. Ihr soziales Engagement wandelt sich in ein Politisch-aktiv-Sein. Demos und andere Aktionen, die sie immer wieder mit ihrer Kamera begleitet. Auch Portraits von einzelnen Leuten und Interviews macht sie. Sie zeigt das Material oder auch Schnitte lediglich für Freunde. Sie beginnt, sich stärker für Fotografie zu interessieren.
2001 lernt sie auf einer Party eines befreundeten Kameramannes, Till Nikolaus von Heiseler kennen. Er erzählt ihr von einem Projekt, an dem er gerade arbeitet und fragt, ob sie Lust hat, dabei die Kamera zu machen.
Sie findet ihn für einen Mann sehr interessant und fängt am nächsten Tag mit ihm an, zu drehen. Schwankend zwischen Faszination und Abneigung dreht sie für ihn. In der nachträglichen Bewertung überwiegt die Abneigung. Sie kommt nicht damit klar, wie er Ophelia, seine „Hauptdarstellerin“ demütigt. Sie erzählt ihrer transsexuellen Feundin Malaria7 von der Geschichte. Sie würde gern beim nächsten Dreh dabei sein. Marie Christine nimmt sie als Verstärkung mit.
Ein paar Wochen später erfährt sie, dass Till von Heiseler ein Mädchen umgebracht hat und verhaftet wurde. Da sie Angst hat, mit ihm in Zusammenhang gebracht zu werden, fährt sie gemeinsam mit ihrer Freunding Malaria7 zu seinem Archiv, zu dem sie Zugang hat. Beide sichern das Material, bevor es von der Polizei beschlagnahmt wird.
Die ersten Wochen funktioniert sie, um die Fassade zu wahren. Dann bricht sie vor ihrer Freundin Malaria7, die Therapeutin war, zusammen. Malaria rät ihr, sich mit der Situation zu konfrontieren und Heiseler im Gefängnis zu besuchen, um ihm ihre Meinung zu sagen.
Alles in ihr sträubte sich dagegen, aber sie folgte dem Rat, da sie das Gefühl hatte, kurz vorm Durchdrehen zu stehen. Sie sagte ihm ihre Meinung. Und er sagte ihr seine. Er sagte ihr auf den Kopf alle ihre Geheimnisse zu.
Eine zeitlang bestand eine Ambivalenz zwischen Bewunderung und Ekel. Es zog sie immer wieder zu ihm. Sie wollte es verstehen. Sie wollte ihn verstehen. Sie wollte sich verstehen.
Nach einem Jahr zog sie aus ihrer WG aus, weil diese sie für nicht mehr „sozial- kompatibel“ erachtete. Der Kontakt, den sie zu ihm unterhielt, sprach sich in der linken Szene schnell herum und sie wurde mehr und mehr gemieden.
Marie-Christine merkte, dass sie auch hier nicht wegen ihrer Persönlichkeit gemocht wurde.
Sie entwickelte eine tiefe Beziehung zu ihm und hatte endlich das Gefühl, jemanden in ihrem Leben gefunden zu haben, der sie anleitet und sie versteht.
Ihre Freundin, mit der sie seit einem Jahr zusammen ist, weiß zwar von den Treffen, aber nicht von der Intensität. Sie glaubt, Marie-Christine tue dies weiterhin, um mit all dem klar zu kommen, aus rein therapeutischen Gründen. Auch ihre Freundin ist von Heiseler fasziniert, aber sie hat keine persönlich Sympathie oder Verständnis für sein Verhalten. Es fällt ihr schwer, sich zu positionieren.
Aber genau das ist es, was Marie- Christine endlich will. Sich positionieren. Und deswegen ist sie jetzt auch bereit, Malaria7 zu helfen, das Material der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mit allen Konsequenzen. Ihr kann nichts passieren. Denn sie weiß, wenn es ihr diesmal zu viel wird, dann bringt sie sich einfach um. Denn den Tod als Erlösung zu sehen, dass hat sie von Heiseler zumindest gelernt.